Einwurf: Katar, Advent und viele Fragen.

football-g10460e532_1920 (c) PIRO /Pixabay
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Datum:
Mi. 23. Nov. 2022
Von:
Tobias Kölling

Steile Ansage: „Biete deine Hand nicht einem, der Unrecht tut, indem du als Zeuge Gewalt deckst.“ (Exodus 23,1)

Die Missstände in Katar

Jetzt geht sie los, die WM in Katar. Es ist ein vieldiskutiertes und gleichzeitig auch herausforderndes Thema. Amnesty International spricht von einer „WM der Schande“ (world cup of shame), Gianni Infantino hingegen verspricht die „beste WM aller Zeiten“.

Und es kommt nicht wirklich plötzlich. Seit ganzen 12 Jahren wird bereits diskutiert:

  • Es gibt ökologische Anfragen: Katar hat einen gigantischen CO2-Ausstoß - zugleich soll die WM als erste klimaneutral sein.
  • Es gibt menschenrechtliche Anfragen: Der „Guardian“ wird zitiert, dass mehr als 6500 Arbeiter auf den Stadienbaustellen gestorben seien, die arabischen Emirate korrigieren die Zahl auf drei einzelne.
    • Allerdings: Wer den Guardian genau liest erfährt, dass die reine Todesrate unter den Gastarbeitern 6500 Menschen in 10 Jahren waren. Tatsächlich verunglückt auf den Baustellen sind 37 Menschen. Jeder Tote ist einer zu viel – aber die Bilder im Kopf sind drastisch verschieden. Und dann wieder: Es gibt Berichte von Statistikbereinigungen.
  • Und grundsätzlich sind in Katar -ob mit oder ohne WM- die Rechte von Mitliedern der LGBTIQ*-Community und von Frauen desaströs.

Und bei uns?

Wenn ich aber diese Zeilen als Mitarbeiter der Katholischen Kirche schreibe, weiß ich zugleich, dass es nicht wirklich der Moment und die Themen sind, wo Kirche mit dem moralischen Zeigefinger wackeln sollte.

  • Die Rolle von Frauen in der Kirche wird zu Recht angefragt.
  • Unsere Kirchen werden zumindest in diesem Winter nicht geheizt, sind aber nur selten ökologisch nachhaltig.
  • Und abgesehen von kurzen Reflexen nach #outinchurch kann man flächendeckend keine klare Positionierung für die Rechte von Menschen in der LGBTIQ*-Community erkennen.

Vor über zweitausend Jahren beobachtete ein jüdischer Prediger die Gleichzeitigkeit in dieser Welt: „An der Stätte, wo man gerechtes Urteil sprechen sollte, geschieht Unrecht.“ (Prediger 3,16) Also: Es ist eben nicht gut, - genau da, wo gefordert wird, dass alles gut sein soll.

Einladung zum Dialog, keine Ermahnungen

Vor dem Hintergrund ist mir wichtig: Es geht hier nicht darum, Vorschriften zu machen. Sondern darum, die Haltung der Kirche in Eschweiler zu erklären, ohne diese damit allen anderen abzuverlangen.

Denn: Es gibt genug Argumente für unterschiedliche Haltungen und die respektieren wir. Und in einer Demokratie ist uns wichtig, dass im Dialog und im Nebeneinander nicht eine einzelne Position stark gemacht wird und alle anderen als falsch, dumm und unmenschlich dargestellt werden. Wir freuen uns über Zuschriften, Mails, Kommentare – solange diese sachlich bleiben, bzw. nicht andere Menschen herabwürdigen.

Wir unterstützen die Petition von Missio

Wir unterstützen in diesem Winter die Haltung von Missio. Dort legt man neben den Rechten der Arbeiter einen Schwerpunkt auf die Perspektive von Frauen in Katar:

„Auch Arbeitsmigrantinnen und andere Frauen müssen in Katar besser geschützt werden, denn sie sind sogar doppelt gefährdet: Sie müssen nicht nur für einen Hungerlohn bis zu 20 Stunden am Tag arbeiten, sondern werden oft auch Opfer sexueller Gewalt. Zeigen sie ihre Peiniger an, riskieren sie selbst eine Anklage wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Im Falle einer Verurteilung drohen ihnen Peitschenhiebe und eine Gefängnisstrafe.“

Es gibt dazu eine Online Petition, die die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock auffordert, sich beim Emir von Katar dafür einzusetzen, diese frauenfeindliche Rechtsprechung zu beenden. Und Begleitmaterial, das wir in unseren Kirchen auslegen.

https://aktion.missio-hilft.de/schutzengel-petition-katar/

Wir sehen uns damit als Teil einer großen Menge vieler Fußballbegeisterter, die in diesem Jahr sagen: ‚Fußball ist mein Leben – aber hinter einer WM in Katar kann ich nicht überzeugt stehen.‘

Etwas Realismus

Uns ist völlig bewusst, dass die WM stattfindet, und auch, dass die Einschaltquoten lediglich bei 5000 Haushalten gemessen werden und somit unser persönliches Nicht-Einschalten nicht unbedingt sichtbar wird. Um so mehr wollten wir uns mit diesem Artikel und kleineren Aktionen daran beteiligen neben den stummen Boykott auch sichtbare Zeichen zu setzen.

Sowohl - als auch

Als Laie blicke ich da auch nicht mehr ganz durch. Neben den skandalösen Zuständen, von denen berichtet wird gibt es auch immer die Gegendarstellungen. Anscheinend, so lese ich, hat die öffentliche Auseinandersetzung mindestens dabei geholfen, dass in Katar Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen stückweise immer weitere Verbesserungen bewirken konnten, von denen ihre Nachbarländer noch weit entfernt sind. Es gibt jetzt Mindestlöhne, ausbleibende Lohnzahlungen wurden unter Strafe gestellt, und Arbeiterinnen und Arbeiter haben ein Recht auf Kündigung. Nachdem die Fußball-WM an Katar vergeben wurde hat die hat die Bau- und Holzarbeiterinternationale (BHI) (darin auch die Industriegewerkschaft Bauen-AgrarUmwelt (IG Bau) und die Industriegewerkschaft Metall (IGM)) eine Kampagne „Red Card for FIFA – No world cup without workers’ rights“ gestartet. Sie bewirkten Verbesserung bei der Essens- und Wasserversorgung, bei der Beteiligung der Arbeiter und der Arbeits- und Gesundheitsschutz sind inzwischen auf demselben Niveau wie in BRD und USA. Schlupflöcher werden allerdings weiter genutzt und die Wirklichkeit stimmt nicht immer mit der theoretischen Regelung überein.

Und ein faktischer Boykott (im Sinne von: Absagen der WM) hätte all diese Verbesserungen voraussichtlich um Jahre zurückgeworfen – so zumindest Amnesty-Mitarbeiterin Regina Spöttl in einem Interview.

Auch da bleibt wieder der Zweifel bei mir: Was hat denn die WM in Russland 2018 bewirkt – wo sind da die Verbesserungen des staatlichen Systems? Was war mit den Olympischen Winterspielen in Beijing Anfang 2022? Eingekaufte „westliche Social-Media-Influencer“ von TikTok und Instagram berichteten wohlwollend, während gleichzeitig die Uiguren in China massiv unterdrückt wurden. Als die New York Times kurz danach berichtete, dass China vom geplanten Angriffskrieg gegen die Ukraine wusste und um Verschiebung bis zum Ende der Spiele bat, dementierte der chinesische Staat das umgehend.

Wie nachhaltig ist das also alles? Wie ernst meinen wir das – woran können wir vor uns selber erkennen, dass wir nicht nur auf ein mediales Thema aufspringen, das wir im Januar schon wieder vergessen haben?

Denn schon im Februar folgt in Peking die Winter-Olympiade. In einem Land, das aktiv künstlich eingeschneit werden muss, damit dort Skilaufen und anderes stattfinden kann. Und auch da: Das Gegenargument sticht durchaus: Wo auf der ganzen Welt sollen in 30 Jahren noch Winterspiele ohne künstlichen Schnee stattfinden?

Und in unserer Kirche steht ein Abschluss verschiedener Reformprozesse an, bei denen unklar ist, wie sicher die Veränderungen kommen und wie sicher sie etwas verbessern. Und viele Fragen sind bei uns auf ewiger Wiedervorlage.

Schwierig das alles. Und uneindeutig.
Wir bleiben dran.
Nicht nur an der WM.

 

Herzlich

Ihr Tobias Kölling

Links

Online-Videos

Podcast

November 2022, 4 Folgen à 30–50 Minuten

"Die WM-Sklaven - Folge 1: Heimreise im Sarg" (WDR 5)

Tobias Kölling

Pastoralreferent

Dürwißer Kirchweg 1b
52249 Eschweiler